| Léon Berben | Verzierungen im Orgelwerk von Johann Sebastian Bach Het ORGEL 106 (2010), nr. 4, xx-xx [Zusammenfassung] |
Es ist heutzutage beim Aufführen von Orgelmusik von Johann Sebastian Bach nicht
sehr gebräuchlich, Verzierungen hinzuzufügen, die nicht notiert stehen. Dennoch
beschreibt Walther derartige Hinzufügungen in seinen Praecepta der musicalischen
Composition (Weimar 1708) als eine selbstverständlicher Praktik. In Quellen aus
dem frühen 18. Jahrhundert findet man Beispiele von Kompositionen, die übermäßig
verziert sind, darunter reicht verzierte Versionen von u.a. Bachs Canzona und
Passacaglia. Auch in späteren Abschriften sind reich verzierte Versionen von
Bachschen Kompositionen zu finden. Die frühen und späten Quellen erzählen, wie
in der Zeit von Bach verziert wurde. Dass es gegenwärtig nicht üblich ist, nicht
notierte Verzierungen hinzuzufügen, hängt mit der Tatsache zusammen, dass seit
dem Beginn des 19. Jahrhunderts Bach als eine Art heiliges Denkmal von deutscher
Kraft und Größe angesehen wurde: an seiner Musik darf man darum nichts verändern,
auch nicht durch das Hinzufügen von Verzierungen. Jüngste Publikationen über
Bachs Verzierungskunst bewegen sich im Grunde genommen in dieser Tradition. Dazu
kam auch noch die anfechtbare Idee, dass die sogenannten Urtext-Ausgaben die
definitiven, unumstrittenen Versionen der Kompositionen beinhalten.